Test aus der Zeitschrift Yacht Nr. 19
aus dem Jahr 1968
Wir hatten selbst eine 210er vor unserer 22er. Aus
dieser Zeit stammt der nachfolgende Testbericht aus
der Yacht.
Neptun 210 - 6,80 m Jollenkreuzer
Vor etwa zwei
Jahren hatten wir Gelegenheit, den Vorgänger des
von uns getesteten 16-m-Neptun-Jollenkreuzers auf der
Elbe bei recht stürmischem Wetter probezusegeln.
Damals fiel uns auf, daß der Jollenkreuzer in dem
kurzen Elbeseegang sehr naß segelte und uns reichlich
mit Spritzwasser bedachte.
Schuld daran war die zu scharfe nach innen eingezogene
Bugform mit geringem Deplacement-Auftrieb Um so überraschter
waren wir, als die Werft uns in Travemünde ihren
neuen 16-m-Jollenkreuzer 210 präsentierte, der
schon äußerlich sehr viel gefälligere
Linien aufweist und eine neue völligere Rumpfform
erhalten hat.
Schon beim ersten Probeschlag merkten wir, daß
das Boot sehr viel weicher und ruhiger als sein Vorgänger
in der See liegt und auch bei dem Kabbelwasser der vier
Windstärken kaum Spritzwasser übernimmt
Schnell und lebendig
Mit einem Schrick in den Schoten
marschierte der Jollenkreuzer ab wie die Feuerwehr, wir
notierten 6,2 kn als Höchstgeschwindigkeit bei Windstärke
vier. Hier dürfte aber auch bereits die Rumpfgeschwindigkeit
liegen, wobei es nicht ausgeschlossen ist, daß der
Jollenkreuzer bei stärkerem Wind ins Gleiten kommen
kann.
Bei 35° am scheinbaren Wind erreichten wir noch gute
5 kn, das ist für die Höhe ebenfalls ein ausgezeichneter
Wert. Schnell ist das Boot jedenfalls, wir konnten das
auch beim Aufkreuzen in der Trave im Vergleich mit größeren
Booten feststellen. Das Kreuzen bringt Spaß, da
das Boot wie eine Jolle durch den Wind geht und sich leicht
manövrieren läßt. Die Wendigkeit resultiert
nicht zuletzt aus dem schmalen tiefen Schwert.
Natürlich muß man bei der Kreuzerei trimmen,
denn ein sportliches schnelles Boot will auch sportlich
gesegelt werden. Es fehlte bei unserem Testboot aber
die Möglichkeit zum Ausreiten, und ganz ideal sitzt
es sich oben auf dem hohen schmalen Süll auch nicht.
So ließ sich ohne ständiges Auffieren der
Schoten hin und wieder eine stärkere Krängung
nicht vermeiden, und der Jollenkreuzer schoß dann
sofort in den Wind.
Nach der ersten Trimmfahrt besprachen wir das mit dem
Werftvertreter, der uns belehrte, daß diese Eigenschaft
des Neptun-Jollenkreuzers üblich und durchaus vorteilhaft
sei, denn man habe damit immer eine sichere Notbremse.
Trägt das Boot zu viel Segelfläche, schießt
es bei einer starken Bö von selbst in den Wind.
Wir gaben uns mit dieser Erklärung aber nicht zufrieden,
sondern experimentierten solange mit Schwert- und Ruderstellung,
bis das Boot normal segelte. Das Schwert war dabei eine
gute Handbreit aufgeholt und das Ruderschwert ca 40°
nach achtern gestellt Es ging auch ohne Notbremse!
Es ist bedauerlich, daß die Bauvorschriften des
DSV keinen verstellbaren Mastfuß zulassen, denn
damit ließe sich das Problem auch werftmäßig
lösen. Nachdem wir uns nun auch noch provisorische
Hängegurte gebastelt hatten, brachte das Segeln
wirklichen Spaß, und wir freuten uns immer wieder
über die Wendigkeit des schnellen Bootes. Wer Jollenkreuzer
liebt, wird an den Segeleigenschaften dieses Bootes
nach etwas korrigiertem Trimm seine Freude haben, muß
aber beachten, daß die Neptun 210 nicht kentersicher
ist, wie alle Jollenkreuzer. Dafür hat die Werft
aber ausreichende Auftriebsräume eingebaut, die
das Boot unsinkbar machen.
Gefällige Form und sportliche
Segeleigenschaften
Man kann also auch ruhigen
Gewissens seine Familie einladen und längere Törns
im Binnenbereich antreten, von weiteren Fahrten über
See ist dagegen abzuraten. Vorteilhaft ist dabei die leichte
Verlademöglichkeit und der Transport auf einem Bootsanhänger.
Das Boot wiegt nur 600 kg.
Am nächsten Tag war es etwas flauer, und wir setzten
die Genua. Das Boot läuft damit an der Kreuz sehr
viel besser im Ruder als unter Normalfock, leider konnten
wir die Segeleigenschaften unter Genua nicht exakt testen,
da das Segel nicht richtig stand.
Es war ca. 15 cm im Achterliek zu lang und ließ
sich nicht durchsetzen, weil die Genuaschienen ca. 40
cm zu weit achtern angebracht waren.
Bei den neueren Booten werden jetzt serienmäßig
längere Schienen eingebaut. Auch stellte sich dabei
heraus, daß die Standardwinschen zu klein sind.
Mit ihnen läßt sich das große Vorsegel
nur unvollkommen dichtholen, wohl aber die Normalfock.
Beschläge und Ausrüstung
Die Beschläge des Jollenkreuzers
sind mit Ausnahme der Winschen und Klampen von guter Qualität.
Während des Oktobersturmes 1967 wurden in Travemünde
die Kunststoffklampen durch Schamfielung an einigen Stellen
so heiß, daß sie schmolzen.
Derartige Belastungen werden aber unter normalen Bedingungen
kaum vorkommen. Das Rigg wird den gestellten Anforderungen
voll gerecht. Der vergütete Leichtmetallmast ist
etwas flexibel, biegt sich aber nicht kritisch. Das
stehende Gut wird aus Nirosta hergestellt und ist weitgehend
pflegearm. Unseres Erachtens wäre es vorteilhafter,
wenn man die Unterwanten an den Seitenwänden des
Deckshauses anbringen würde.
Der Durchgang über das Seitendeck zum Vorschiff
ist dann etwas bequemer. Das Drehreff mit Schnappfeder
arbeitet präzise und leicht. Das Reffen des Großsegels
erfolgt durch Zurückziehen und Drehen des Baumes
aus seiner Vierkant-Arretierung. Dank der gleichmäßigen
Baumrundung steht das Segel auch nach dem Reffen einwandfrei
Das Großsegel war jedoch viel zu flach geschnitten.
Während die Fock einen einwandfreien Schnitt aufwies,
hätte das Groß raumschots sehr viel voller
stehen müssen. Die Kunststoff-Verarbeitung des
Bootes ist zufriedenstellend. Die Verbände sind
stark genug, das Laminat weist an den kritischen Stellen
die notwendigen Verstärkungen auf. Das Deck ist
gut rutschfest Die Kornstruktion des Schiebeluks ist
besonders gelungen Es kann hier absolut kein Wasser
in das Schiff kommen, und das Luk läßt sich
leicht auf- und zuschieben.
Die große Plicht wird besonders von den Seglern
begrüßt werden, die sich auch einmal ausgestreckt
in der Sonne bräunen möchten.
Das kann man nämlich auf dem Neptun 210 ausgezeichnet,
und wer zum Sonntagnachmittag Kaffeesegeln die liebe
Verwandtschaft einladen will, kommt nicht in Platzbedrängnis.
Ein Schacht für den Außenborder ist bei
dem Neptun-Jollenkreuzer nicht vorhanden. Stattdessen
wird als Sonderzubehör eine Motortraverse geliefert,
die am Spiegel angeschraubt wird. Diese Lösung
ist wegen des begrenzten Stauraumes im Achterschiff
unbedingt vorzuziehen.
Unter Deck
Der achtere Stauraum ist durch
ein großes Klappluk bequem zugänglich Wenn
man alle Utensilien für eine Urlaubstour einschließlich
der Segel, Fender, Tampen und Lampen in der Achterpiek
unterbringen will, muß man allerdings schon recht
sorgfältig stauen, da es in dem begrenzten Raum ein
starkes Gedränge geben wird.
Die Hundekojen reichen bis an das Schott zur Achterpiek
unter die Duchten und lassen keinen weiteren Stauraum
zu.
Überhaupt hat die Werft sich sehr bemüht, so
viel Platz wie möglich für vier reelle Kojen
zu reservieren, wodurch der Gesamtstauraum natürlich
eingeschränkt wird. Sechs seitliche Schwalbennester
werden für alle Segelutensilien kaum ausreichen.
Wer überwiegend zu dritt segelt, sollte überlegen,
ob er eine Koje herausnimmt, um dafür zusätzlichen
Stauraum zu gewinnen. Es fehlt außerdem ein vernünftiger
Platz für das Ankergeschirr, da auch das Vorschiff
voll für Kojen genutzt wird.
Als Tourenboot ist die Kajüte in der Standardausführung
etwas spartanisch eingerichtet. Der Neptun-Eigner, der
mehr verlangt, muß sich eine Pantry und ein WC
selbst einbauen. Ein Kleiderschrank fehlt ebenso. Diese
Dinge lassen sich aber in Eigenarbeit leicht herstellen,
und vielleicht ist es vernünftiger, wenn die Werft
auf eine komfortablere Innenausstattung verzichtet und
dafür den Preis des Bootes niedrig hält. Die
Kajüte hat gute Sitzhöhe und ist mit einem
Klapptisch über dem Schwertkasten ausgestattet.
Beim Segeln können die Seiten leicht weggeklappt
werden. Der Schwerthals ragt nicht in die Kajüte,
der Schwertkasten ist oben geschlossen.
Das Schwert des von uns gesegelten Neptun-Jollenkreuzers
machte bei Dünung im Hafen ziemlich viel Lärm
im Schwertkasten, auch in aufgeholter Stellung.
Schlußbetrachtung
Die Neptun-Werft wendet sich
mit Ihrem Neptun-Jollenkreuzer 210 bewußt an Segler,
die vorwiegend auf Binnengewässern segeln wollen
und ein leicht transportables Boot für sportliche
Wochenendtouren benötigen.
Daß die Werft mit dieser Konzeption richtig liegt,
beweisen über 300 abgelieferte Boote und die Registrierung
als Werftklasse beim Deutschen Seglerverband. Wer indessen
Regatten mit dem Neptun 210 segeln will, muß das
Boot dafür herrichten, denn erst durch sorgfältigen
Trimm lassen sich aus dem Boot optimale Segeleigenschaften
herausholen. In der Standardausführung hat man
wenig Chancen. Das Boot bietet viel Platz zum Sitzen
und Schlafen unfer Deck und im Cockpit.
Wer längere Binnentörns vorhat, wird das
Manko an Stauraum durch den Einbau einer einfachen Pantry
und eines Topfschrankes leicht selbst ausgleichen können,
denn das Schiff ist bei einer Länge von 6.80 m
mit 7.290,-- DM incl. Mehrwertsteuer sehr preiswert
und lohnt die Eigenarbeit. Wer schnell und sportlich,
jedoch nicht unbequem segeln möchte, für den
dürfte der Neptun-Jollenkreuzer das geeignete Schiff
sein.