nicht so einfach Informationen zur Neptun 22 aufzutreiben,
wenn man sie nicht neu gekauft und Unterlagen aus der
damaligen Zeit aufbewahrt hat. Aus einigen früheren
Ausgaben der Yacht habe ich die Informationen auf diesen
Seiten.
Neptun 22 - Yacht-Testbericht
Ausgabe 22 / 1971
Auf einen Blick
Gut
Trimmlage im Seegang
Modernes Unterwasserschiff
Unkompliziert
zu segeln
Wohnliche
Raumaufteilung der Kajüte
Durchdachte
Pantry
Kunststoffgerechte,
gefällige Formgebung
Schlecht
Haltbarkeit des Ruders
Luvgierigkeit bei starker Krängung
Mittelmäßige Endstabilität
Lüftung
Schwaches Schiebeluk
Segel-
und Seeeigenschaften
Die Neptun 22 gehört zu den meistverkauften kleinen
deutschen Kajütsegelbooten. Der Erfolg beruht zu
einem großen Tel auf der sehr gelungenen Konstruktion
von Anton Miglitsch, der es verstanden hat, ein Schiff
fürs Auge und für die See zu schneidern. Die
Konzeption ist im Deckslayout sowie in der Inneneinrichtung
ausgesprochen konservativ, die Rumpflinien sind dagegen
mit scharfem Vorschiff, breiter Auflage des Achterschiffes
und der größten Breite im achteren Drittel
sehr modern.
So zeichnete sich das Boot auch durch eine sehr angenehme
Lage im Seegang aus. Während der Testfahrt auf
der Flensburger Förde bei Windstärke 7 !!
waren wir überrascht, wie weich das Boot in die
kurze, steile See einsetzte, ohne dabei trotz des verhältnismäßig
geringen Freibordes viel grünes Wasser überzunehmen.
Selbst bei diesem Wind und hoher, kurzer See war ein
Aufkreuzen unter Fock I und stark gerefftem Groß
noch ohne weiteres möglich. Allerdings wurde die
Neptun 22 bei stärkerer Krängung zunehmend
luvgierig, und in extremen Böen war das Boot einige
Male nicht zu halten, so daß es trotz Leeruder
in den Wind drehte. Man sollte also in jedem Fall die
Vorsegel so lange wie möglich fahren und das Großsegel
früh reffen. Besonders spritzig wurde das Schiff
mit Backstagbrise. Hier erreichten wir wiederholt den
Zustand des echten Surfens mit der Welle, wobei das
Boot geschätzt bestimmt um die 10 bis 12 Knoten
lief. Da wirkt sich das breite Achterschiff besonders
günstig aus.
Bei mäßigen Winden las das Boot ausgesprochen
neutral auf dem Ruder. Weder an der Kreuz noch auf raumen
Kursen verspürten wir überdurchschnittlichen
Ruderdruck. Bei festgelaschter Pinne registrierten wir
eine sehr gute Kursstabilität auf allen Kursen,
und bei etwa zwei Windstärken gelang uns das Kunststück,
das Boot ohne einen Mann an der Pinne an der Kreuz bis
in den Hafen zu fahren, wobei wir nur durch Gewichtsverlagerung
die notwendigen Kurskorrekturen erreichten.
Insgesamt: Sehr unkompliziert zu segeln, sehr leicht
und exakt zu manövrieren, kein übermäßiges
Stampfen, gute Geschwindigkeiten. Auch Anfänger
werden mit dem Boot zurechtkommen.
Wie steif ist das Schiff?
Bedingt durch das breite und flache Unterwasserschiff
hat die Neptun 22 eine hohe Anfangsstabilität.
Es muß also schon kräftig wehen, bevor sich
der Kielschwerter bis über die Scheuerleiste weglegt.
Daß dies indessen passieren kann, merkten wir
während der Schwerwetterfahrten. Eine starke Bö
erfaßte das Schiff und legte es fast flach auf
die Seite. Leicht verwirrt starrte die Testmannschaft
auf das Ostseewasser, das sogleich mit großem
Schwall in die Plicht lief. Doch dann richtete sich
das Boot, etwas zögernd, wieder auf, wobei fast
alles Wasser wieder außenbords lief und der Rest
durch die gut dimensionierten Lenzer schnell abfloß.
Bei kurzen, starken Böen kann die Neptun 22 eben
doch nicht verleugnen, daß sie ein Kielschwerter
ist, bei dem der Ballast nun mal nicht einen Meter unter
dem Rumpf hängt.
Um ganz sicher zu gehen, vollzogen wir die unfreiwillige
Schräglage später am Steg noch einmal nach,
und dabei stellte sich dann eindeutig heraus, daß
das Boot selbst dann noch ein erhebliches aufrichtendes
Moment hat, wenn die Mastspitze mit den Segeln die Wasseroberfläche
berührt und zwei Mann in der Plicht hocken. Man
kann die Neptun 22 also auf jeden Fall als kentersicher
bezeichnen.
Da die Kajüte zur Plicht hin durch ein breites
Brückendeck bis zur Höhe der Duchten abgeschottet
ist, kann auch bei extremer Schräglage kein Wasser
ins Schiffsinnere gelangen. Sollte dies durch ein Leck
trotzdem passieren, so sorgen serienmäßig
eingebaute Auftriebskörper dafür, daß
das Boot nicht sinkt.
Wer noch ein wenig mehr Geschwindigkeit aus seinem
Schiff herausholen will, sollte unbedingt das Trimmen
nicht vergessen. Aufgrund des jollenförmigen Unterwasserschiffes
reagiert die Neptun 22 noch merklich auf eine Gewichtsverlagerung
durch die Mannschaft und auf Regatten sollte das Heck
möglichst wenig belastet werden.
Negativ vermerkten wir, daß man bei Krängung
etwas schwierig aufs Vorschiff gelangt, da das Deck
recht schmal ist und die Unterwanten den Durchgang versperren,
Es wäre vorteilhaft, wenn auch das Kajütsdach
mit noch weiteren rutschfesten Flächen versehen
wird.
Maße
Lüa
6,80 m
Büa
2,40 m
Tiefgang mit Schwert
1,05 m
Tiefgang ohne Schwert
0,55 m
Verdrängung
0,85 t
Segelfläche
mit Fock II
20,0 qm
Werft: Neptun,
Lage in Lippe
Der Komfort an Bord
Nach Meinung der Testcrew hat die Werft für das
Schiff eine wirklich gelungene Raumaufteilung gefunden.
Im Vorschiff läßt sich durch ein Einlegestück
zwischen den beiden Kojen eine breite Liegewiese einrichten.
Besonders lange Leute werden Schwierigkeiten mit den
Beinen im Bug bekommen, für den Standardkollegen
sowie für Kinder reicht´s allemal. Das Vorschiff
läßt sich gut mit einen dicken Vorrang separieren
und wenn man ein Pump-Klo einbaut, hat es im Vorschiff
zwischen den beiden Kojen den einzig richtigen Platz,
denn da kann man sich wirklich bequem draufsetzen.
Zur Kajüte hin schließen sich BB und STB
zwei Kleiderschränke an, im rechten ist die Batterie
gut erreichbar untergebracht. Die beiden Längskojen
der Kajüte reichen nur wenig unter die Duchten
und haben endlich einmal die Breite, die wir uns wünschen.
Über den Kojen in voller Lände Schwalbennester
mit Teakschiebetüren für allen Krimskrams.
Schade, daß man sich hier nicht vernünftig
anlehnen kann, das Sitzen ist so etwas unbequem.
Der Clou aber ist die durchdachte Pantry, die auf kleinstem
Raum sehr zweckmäßig unter dem Brückendeck
und auf zwei Borden BB und STB im Niedergang untergebracht
ist. Die Nirostaspüle läßt sich herausklappen,
es gibt Schubladen und Halterungen für Geschirr
sowie ausreichenden Stauraum für Lebensmittel,
Töpfe und Pfannen. An dieser Pantry wird die Bordfrau
Freude haben.
Der Kajütstisch läßt sich nach allen
Seiten schwenken, durch eine Drehung ist der Gang zum
Vorschiff frei. Der Innenausbau macht durch die Verwendung
von Innenschalen, Teakholz und Isoliermatten an der
Außenhaut einen handwerklich sauberen Eindruck.
Der Niedergang ist bequem, die Lichtverhältnisse
in der Kajüte sind gut. Die Lüftung durch
das Vorschiffsluk ist nicht ausreichend, hier sollte
ein zusätzlicher Lüfter montiert werden. Bei
der Wasserprobe mit der Pütz hielten Vorluk und
Fenster absolut dicht, ebenso die mit Moosgummi sehr
wirkungsvoll abgeschlossenen Backskisten, während
es durch das Schiebeluk in die Kajüte leckte.
Die Plicht ist zweckmäßig gestaltet. Die
Duchten haben die richtige Breite, man kann sich bei
Schräglage gut abstützen und das hohe Süll
bietet Windschutz. Die Sicht voraus wird durch die Kajüte
nicht behindert. Zustimmung fand auch der achtere Stauraum.
Es gibt zwei brauchbare Backskisten mit sauber eingeformten
Luks (deren Schlösser jedoch vermutlich im Seewasser
verderben werden) und eine Achterpiek, die allerdings
bei Einbau eines Schachts für die Motoranlage reserviert
ist. Der Motorschacht ist ausgezeichnet gelöst.
Beschläge und Ausrüstung
Das Rigg der Neptun 22 ist recht solide verstagt und
ließ auch während der Sturm-Testfahrten niemals
das Gefühl der Unsicherheit aufkommen. Die eloxierten
Alu-Spieren sind pflegearm. Man sollte auf jeden Fall
wie bei unserem Testboot zum Durchsetzen der Fock eine
Fallwinsch anbringen. Die Kunststoff-Mastklampen haben
die richtige Größe. Der Stand der Diekow-Segel
war ausgezeichnet. Das Schneckenreff (Extras) funktionierte
zufriedenstellend.
Die Fockschot scheuerte beim Dichtsetzen mit der brauchbaren
Hebelwinsch nicht auf dem Süll, die Fockschot-Holepunkte
an Deck ließen sich durch Rutscher leicht verstellen.
Auf dem Achterschiff zwei solide Festmacherklampen,
aber Lippklampen fehlten. Die Travellerschiene auf dem
Brückendeck ist zu kurz, um effektiv wirksam zu
werden. Für Tourenskipper reicht´s. Schwächster
Punkt des Bootes: die Ruderanlage. Der Ruderkopf sitzt
zu hoch am Spiegel, wodurch der Drehpunkt des Ruderblattes
weit über dem Wasserspiegel liegt und hier überdurchschnittliche
Kräfte auftreten, denen das Sperrholzruderblatt
nicht gewachsen ist, zumal, wenn es sich - wie bei unserem
Testboot - zu weit vorholen läßt und überbalanciert
ist. Die Werft verwendet jetzt ein 8-mm-Alu-Ruderblatt.
Konstruktion und Finish
Bei der abschließenden Besprechung waren alle
am Test beteiligten Personen der Meinung, daß
der Kielschwertkreuzer Neptun 22 ein zwar konventionelles,
aber in Bezug auf Aussehen, Segeleigenschaften, Raumausnutzung
und Innenausbau gelungenes Fahrtenschiff ist. Die Einformung
von Vorluk, Backskistendeckeln und Achterluk erfolgte
kunststoffgerecht ohne überstehende Kanten. Die
begehbaren Decksflächen haben ein rutschhemmendes
Waffelmuster, das wir uns auch seitlich auf dem Kajütsdach
sowie auf dem achteren Luckendeckel wünschten.
Das Deck bog sich beim Begehen nicht merklich durch,
das Schiebeluk war indessen extrem weich. Bugkorb und
Seereling waren solide auf Deck befestigt, welches jedoch
bei stärkerer Belastung der Stützen federte.
Auch die Montage der Beschläge und Festmacherklampen
machte einen haltbaren Eindruck.
Die Holzteile an unserem Testboot, wie die Steckschotten
im Niedergang, Pantry, Schwalbennester, Griffleisten
etc. waren einfach, aber sauber eingepaßt. Das
Finish der Kunststoff-Außenhaut war nicht gerade
Spitzenklasse, aber durchaus akzeptabel. Etwas mehr
Glanz im Gelcoat würde dem Boot gut zu Gesicht
stehen.
Ein Boot für welchen Zweck
Der Kielschwertkreuzer Neptun 22 ist so konstruiert,
daß er durchaus schweres Wetter auf See abreiten
kann. Das Boot hat sich bisher recht gut im Wattenbereich
der Nordsee, an den Küsten des Mittelmeeres sowie
im gesamten Ostseebereich bewährt. Trotz der Kielschwertausführung
ist das Schiff im Seegang steif, so daß ein Aufkreuzen
auch gegen grobe See möglich ist. Hinter größeren
Wagen läßt sich die Neptun wegen des geringen
Tiefgangs gut trailern, ein fester Liegeplatz im Wasser
ist also nicht unbedingt nötig. Durch die sehr
zweckmäßige Inneneinrichtung und den verhältnismäßig
großen Wohnraum unter Deck wir es eine Familie
mit zwei Kindern an Bord aushalten, für vier Erwachsene
wird es dann jedoch etwas eng.
Kosten unter der Lupe
Das Boot kostet segelfertig ab Werft 11 695 DM inkl.
MwSt. Dieser Preis ist jedoch irreal, denn man erhält
dafür sozusgen nur ein nacktes Schiff mit Großsegel
und Fock I sowie einfachen Turfnolwinschen ohne Hebel,
mit denen man so gut wie nichts anfangen kann. Zum wirklich
segelfertigen Schiff kommen Polster, Pantry, Tisch,
Fock II, Genua und Sturmfock, Unterwasseranstrich, Hebelwinschen,
Bugkorb, Seereling und etliche Details mehr hinzu, so
daß man auf jeden Fall rund 16 000 DM für
die Neptun 22 veranschlagen sollte. Zum urlaubsklaren
Schiff kommen dann noch Motorschacht oder Halterung
und Außenbordmotor, Pump-WC, Plichtpersenning,
Kompaß, Lampen und persönliche Ausrüstung
hinzu, wodurch man auf rund 19 000 DM kommt.